Die Gebete:  das “Vater unser”

Das "Vater unser" ist jenes Gebet, das uns Jesus selber gelehrt hat

„Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. Unser tägliches Brot gib` uns heute. Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen“.

 

Ein paar Gedanken dazu, was uns Jesus im „Vater unser“ alles gesagt hatte….

 

„Vater unser, im Himmel“

Es ist in seiner Bedeutung schwer nachzuvollziehen, dass der allmächtige Gott trotz seiner unfassbaren Größe jedem einzelnen Menschen Vater sein möchte. Er liebt uns, jeden einzelnen und jede einzelne, mit einer unfassbaren Liebe. Er hat für alle von uns eine Idee, wie unser Leben gut gelingen kann und er will uns dabei helfen. Aber er drängt uns diese Hilfe nicht auf, denn er hat uns Freiheit geschenkt, die er respektiert. Das kann manchmal mit Problemen verbunden sein, die wir als Menschen ja auch kennen: auch wir lieben unsere Kinder, diese nützen aber oft die ihnen von uns eingeräumte Freiheit aus, um sich von uns abzugrenzen und um eigene Wege zu gehen. Das gilt auch für uns vor Gott, der uns Vater sein möchte, dem wir aber oft nur den Rücken zuwenden. Gott gesteht uns unsere eigenen Wege zu, aber seine Wege sind besser, weil sie in seine Liebe und Geborgenheit hineinführen.

Wo Gott ist, ist Himmel. Himmel ist keine geographische Beschreibung, sondern eine Zustandsbeschreibung. Wenn wir bei Gott sein dürfen, sind wir in einer nicht beschreibbaren liebevollen Geborgenheit bei Gott. Gott als unser Vater möchte uns diese Geborgenheit schenken. Dieses Geschenk ist aber nur im Rahmen unserer Freiheit denkbar: wir können es nur erhalten, wenn wir auf Gott zugehen. Da Gott die reine Liebe ist, führt ausschließlich der Weg der Liebe zu Gott. Im Rahmen unserer Freiheit müssen wir es wollen, diesen Weg zu gehen. 

 

„Geheiligt werde Dein Name“

Uns sollte bewusst werden, dass es nichts gibt, das höher steht als Gott. Dieser Umstand sollte uns ehrfürchtig machen, im Denken und im Reden. Wenn ich Gott in seiner Größe anerkenne, kann und werde ich seinen Namen niemals abwertend aussprechen. Das Denken beeinflusst das Reden und das Reden das Denken. Jesus hat uns das mit dieser Formulierung deutlich gemacht.

 

„Dein Reich komme, Dein Wille geschehe“

Diese Formulierung erscheint auf den ersten Blick eigenartig, zeigt aber auf dem zweiten Blick, in welcher unglaublichen Konsequenz Gott unsere menschliche Freiheit respektiert. Isoliert betrachtet ist es absurd zu beten und zu bitten, dass das Reich des Allmächtigen kommen möge und sein Wille geschehen solle. Wenn er der Schöpfer des gesamten Universums ist, dann muss ohnedies die gesamte Schöpfung sein Reich sein. Als der allmächtige Gott kann er auch seinen Willen durchsetzen, wann er will, wie er will und wo auch immer. Für was braucht Gott unser Gebet für die Durchsetzung seines Willens? Es muss eine tiefe Bedeutung haben, wenn uns Jesus dazu auffordert.

Gottes Reich ist, wie es uns Jesus gesagt hat, ein Reich des Friedens, der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit. Unsere Welt, so wie wir sie kennen, ist aber davon noch weit entfernt. Neben wunderschönen Beispielen solcher Früchte der Barmherzigkeit,  gibt es aber auch dramatische Spuren von Sünde, Leid, Ungerechtigkeit und Zerstörung. Es ist dies das Antlitz einer Welt, wie sie aus der Freiheit der Schöpfung und der Freiheit von uns Menschen entstanden ist. Wenn Gott, der Vollkommene, etwas aus seiner Vollkommenheit erschafft, dann kann es nicht Elemente des Bösen und der Vernichtung enthalten. Das sind die Konsequenzen der Freiheit, die Gott uns und seiner Schöpfung in Liebe zugestanden hat.

Gott möchte aber, als der Liebende und Barmherzige, diese in Freiheit entstandene Welt hin zur Vollendung in seiner Liebe führen. Er kann uns dabei helfen, zwingt uns aber seinen Willen und seine Hilfe nicht auf. Gott wartet vielmehr wegen der uns gewährten Freiheit darauf, dass wir ihm durch unsere Bitte, so wie es uns Jesus gelehrt hat, die Möglichkeit geben, in unsere Freiheit hineinzuwirken. Er braucht wegen der uns geschenkten Freiheit unsere Zustimmung, damit sein Wille und seine Vorsehung endlich geschehen können. Das gilt für jede einzelne Person individuell, es gilt aber erst recht für die Menschheit bei großen Dingen, z.B. betreffend den Frieden unter den Völkern. 

Wenn wir also beten “dein Reich komme und dein Wille geschehe“, hat das die Bedeutung, dass wir von unseren menschlichen Vorstellungen, wie wir Macht und Herrschaft ausüben wollen, loslassen sollen. Das Beharren auf unseren Willen hat über Jahrtausende immer wieder nur zur Zerstörung, Leid und Hass geführt. Wir sollen uns um die Hilfe Gottes bemühen, damit es durch unseren Beitrag und seiner Hilfe gelingt, Frieden, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen. Schließlich sollen wir es lernen, nicht unseren oft egoistischen Willen durchzusetzen, sondern offen zu werden, was dem Willen Gottes im Alltag im Kleinen und in der Politik und im Weltgeschehen im Großen entspricht. Wenn das unser redliches Anliegen wird, dann wird uns Gott auf unsere Gebete hin überraschend klar seinen Willen erkennen lassen. Wenn wir ihn dann bitten, uns bei der Umsetzung seines Willens zu helfen, werden wir immer wieder erstaunt das Wirken Gottes erfahren dürfen.

 

„wie im Himmel, so auch auf Erden…“

Das ist nochmals die Bestätigung unserer Freiheit vor Gott: Er hat es uns ermöglicht, dass wir auf Erden in Freiheit leben dürfen. Ohne seine Hilfe sind wir – wie die Geschichte lehrt - nicht in der Lage, die negativen Früchte dieser Freiheit zu verhindern. Wenn wir Gott nun ernsthaft bitten, dass sein Wille nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden im Rahmen unserer Freiheit gelten soll, bedeutet es, dass wir uns dafür entscheiden, seinem Wille auch in unserem persönlichen Leben Vorrang vor unserem eigenen Wollen zu geben. Wenn wir uns redlich bemühen, Gott in unserem Alltag den ihm gebührenden Platz einzuräumen, werden wir mit Erstaunen feststellen dürfen, wie in unserem Leben plötzlich Dinge passieren, auf die wir überhaupt keinen Einfluss haben, die aber in der Vorsehung Gottes stehen. Diese Erfahrungen können wir nur mit dem „Segen Gottes“ umschreiben.

 

„Unser tägliches Brot gib` uns heute“

Diese Bitte bezieht sich nicht nur auf das „Brot“, sondern sie bezieht sich auf all das, was wir zum seelischen  und körperlichen Überleben dringend benötigen. Wir dürfen, ja sollen sogar Gott, unseren Vater, bitten, uns all das zu geben, was wir (wirklich) im Alltag dringend benötigen.

Dabei sollen wir jedoch zwei Aspekte beachten: Gott ist bereit, in unser Leben einzugreifen und uns zu helfen und er macht es auch immer wieder. Das sind einerseits wunderbare Erfahrungen der Menschheit, denen andererseits aber auch dramatische Erfahrungen des scheinbaren Gegenteils gegenüberstehen. Gott hilft uns nämlich nicht automatisch von sich aus, sondern er erwartet von uns sowohl ein tiefes Vertrauen in seine Hilfe, wie auch unsere Bereitschaft, dass wir uns im Gegenzug bemühen, seinen Willen zu tun. Das hat Jesus mehrfach betont. So hat er uns immer wieder eingeladen, uns vertrauensvoll mit unseren Bitten an den Vater im Himmel zu wenden, obwohl der himmlische Vater ohnedies weiß, was wir Menschen zum Leben  alles brauchen. Allerdings hat er uns diesbezüglich einen klaren Orientierungsrahmen gegeben. Er sagte ganz deutlich: „Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben". Das gilt auch für unsere Bitte um all das, was wir täglich brauchen.

Der zweite Aspekt betrifft uns alle, die wir uns bemühen, seinen Willen zu erkennen und danach zu leben. Wenn wir es gelernt haben, mit unseren Mitmenschen in Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zu leben, werden wir all das tun, was Gott von uns erwartet: wir werden daher notleidenden Brüdern und Schwestern nicht das vorenthalten, was sie zum Überleben brauchen. Wir werden dann auch alle eigennützigen Handlungen unterlassen, die zur Folge haben, dass unsere Brüder und Schwestern in eine unverschuldete Notsituation kommen können. Das ist dann unser Beitrag zum Reich Gottes. Wenn hingegen Menschen, den Willen Gottes missachtend, in unser Leben negativ eingreifen, müssen wir es verstehen, dass Gott auch den freien Willen dieser Menschen akzeptiert. Er wird diese ihrerseits nicht in ihrer Freiheit beeinträchtigen, selbst wenn es mit schweren negativen Auswirkungen verbunden ist. Gott ist der Treue: er hat sein Versprechen der Freiheit für die Menschen auch dann nicht gebrochen, als diese seinen Sohn gekreuzigt hatten. Das ist der Preis der Freiheit, die uns Gott geschenkt hat. Dennoch ist uns Gott auch in solchen schweren Situationen nahe und wird uns auf seiner Weise beistehen.

 

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“

Diese Bitte ist die konsequente Weiterführung der Bitte: „Dein Reich komme“: Im Reich Gottes herrschen Friede, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Gott weiß, dass es wegen unserer Freiheit immer wieder passieren wird, dass wir einander verletzen. Er weiß, dass ohne Versöhnung und Verzeihung auf Erden niemals Friede und Gerechtigkeit werden herrschen können. In seiner Barmherzigkeit wird Gott immer den ersten Schritt machen, er wird uns aus seiner Liebe immer wieder unsere Schuld vergeben, egal, wie tief wir auch gefallen sind. Damit aber das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit Wirklichkeit werden kann, ist es aber notwendig, dass auch wir bereit werden, einander zu verzeihen. Anders kann der negative Kreislauf von Unversöhnlichkeit und Hass nicht durchbrochen werden.

Die Vergebung unserer Schuld ist im Hinblick auf unser Leben nach dem Tod ein kostbares Geschenk von Gott. Jesus hat uns immer wieder vor Augen geführt, dass wir dieses Geschenk der Vergebung, wenn wir darum bitten, unverdient bekommen. Deshalb sollen wir dieses Geschenk Gottes auch jenen Menschen weitergeben, die ihrerseits an uns schuldig geworden sind.

Man kann es auch so beschreiben: Gott kennt unsere Schwachheit und unsere Vorliebe, gerne den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Gott will aber auf Erden Friede und Versöhnung der Menschen untereinander, das ist sein unmissverständlich ausgesprochener Wille und das war auch der Grund, warum er sich durch Jesus ins Menschsein erniedrigt hat. Um uns Menschen zu motivieren, uns ebenfalls für dieses Ziel einzusetzen, hat er unser persönliches Schicksal am Ende unseres Lebens mit unserer eigenen Bereitschaft verknüpft, einander zu vergeben.

Jesus sagte uns also durch dieses Gebet folgendes unmissverständlich: unsere persönliche Bereitschaft, den anderen Menschen ihre Schuld zu vergeben, soll jenen Maßstab bilden, nach dem Gott unsere eigene Schuld verzeihen wird. Unser späteres Schicksal vor Gott hängt somit von unserer eigenen Bereitschaft ab, während unseres Lebens die an uns begangene Schuld zu vergeben.

 

„führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Bei dieser Formulierung vermutet man, dass es sich um einen sprachlichen Übertragungsfehler handelt. Gott ist die reine Liebe. In seiner Liebe wird er uns helfen alles zu tun, was uns Menschen näher zu ihm hinbringen kann. Gott ist kein heimtückischer „Versucher“. Satan ist es vielmehr, der ständig versucht, uns von Gott weg zu bringen. Es ist unvorstellbar, dass Gott in die Rolle Satans schlüpfen sollte, um uns vom Weg der Liebe abzubringen. Die Wirklichkeit zeigt uns, dass wir ständig der Versuchung Satans ausgeliefert sind. Gott wird nicht dieses bestehende Problem der Versuchung verstärken, das lässt sich mit seiner Liebe nicht in Einklang bringen. Dazu kommt, dass uns Jesus ständig vor Satan, dem großen Verführer, gewarnt hat. Es ist daher naheliegend, dass uns Jesus bei diesem Gebet aufgefordert hat, den Vater zu bitten, er möge uns nicht nur vor der Versuchung durch den Bösen bewahren, sondern uns zur Gänze vom Bösen erlösen. Dem Sinngehalt nach sollte daher die letzte Bitte im „Vater unser“ lauten: „hilf uns, dass wir nicht in Versuchung geführt werden, sondern erlöse uns von dem Bösen!“. Amen.

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