Alexander Gerhartz
Alexander Gerhartz
Koblenz / Deutschland

25 Jahre Spielsucht – Gott hat mich frei gemacht

Ich habe schon zu einer Zeit um Geld gespielt, in der ich noch ein Kind war. Es war mir eine Lust, mich mit den anderen zu messen. Wenn ich gewonnen hatte, vielleicht sogar gegen Größere, war das natürlich toll. Es war egal, ob wir mit Murmeln gespielt oder geschangelt haben, das ist ein Spiel, bei dem Münzen geworfen werden, oder ob wir gepokert haben. Das Geld dazu habe ich mir selber organisiert. Ich hatte immer viele Spielsachen. Was ich nicht mehr  gebraucht habe, habe ich bei einem Straßenflohmarkt verkauft und das Geld davon war dann mein Spielkapital.

In unserer Ortschaft gab es ein Vereinslokal, in dem dann einmal Spielautomaten aufgestellt wurden. Ich wollte diese unbedingt probieren. Ich war erst 13 Jahre und durfte offiziell nicht spielen, aber man hat das damals nicht so genau genommen und man hat ja schwindeln können. Ich war dann so lange lästig, bis ich einmal von meinem Opa fünf Mark dafür geschenkt bekam. Gleich beim ersten Spiel habe ich so um die 200 Mark gewonnen, das war gewaltig viel. Da war schon das Gefühl, dass man auf diese Weise sehr rasch zu viel Geld kommen kann. Da bin ich picken geblieben. Ich bin dann als Jugendlicher schon recht häufig, oft mehrmals die Woche, spielen gegangen. Wenn man bei einem offiziellen Automaten nicht spielen durfte, dann ist man zu einem illegalen Automaten gegangen.

Das war ein fürchterlicher Kreislauf, weil mir das Geld natürlich immer gefehlt hat. Wenn ich dann wieder Geld gebraucht habe, bin ich erst recht spielen gegangen, weil ich immer gehofft habe, nun die fehlende Summe gewinnen zu können.

Ich habe relativ früh gemerkt, dass ich spielsüchtig geworden bin. Ich habe immer wieder versucht, da raus zu kommen, hab vieles probiert. Aber es hat nie funktioniert. Ich war schon früh auf mich alleine gestellt und habe immer gedacht, dass ich das selber schaffen werde, da herauszukommen. An Therapien hatte ich deswegen nicht gedacht, weil ich Freunde hatte, die zu einer Therapie gegangen waren. Nach kurzer Zeit hatten sie wieder wie früher gespielt, die ganze Therapie war umsonst.

Ich bin dann Vater geworden, aber ich habe es nicht geschafft, deswegen mit dem Spielen aufzuhören. Meine erste Beziehung ist dadurch in die Brüche gegangen, auch meine zweite Beziehung. Ich habe immer Skrupel gehabt, wenn ich wieder mein ganzes Geld verspielt habe, Geld dass ich dadurch der Familie und den Kindern weggenommen habe. Ich hatte immer solch ein unglaublich schlechtes Gewissen. Aber ich bin trotzdem immer wieder spielen gegangen. Irgendwie bin ich immer im Spielsalon gelandet, auch wenn ich ursprünglich nicht hingehen wollte.

Ich wurde immer verzweifelter.  Während andere gelebt hatten habe ich vegetiert und mich bemitleidet. Ich habe immer wieder zu Gott gebetet, dass er mir helfen soll. Es war nicht so, dass ich nicht an Gott geglaubt hatte. Aber ich hatte immer gehofft, dass Gott so wirkt, wie ich es haben möchte. Rückblickend habe ich erkannt, dass ich gar nicht wirklich mit dem Spielen aufhören wollte, ich wollte Mitleid in meiner Situation und eine Hilfe, ich wollte mich aber nicht ändern.

Ohne diese Sucht hätte ich niemals Geldsorgen haben müssen. Ich habe sehr gut verdient, ich bin wirklich gut dabei und hätte, wenn ich das Geld nicht in die Spielsalons getragen hätte, heute zwei oder drei Häuser. Wenn ich wieder einmal hoch verloren hatte, konnte es schon passieren, dass ich in meinem Zorn den Spielautomaten zerschlagen habe. Ich habe aber nie ein Hausverbot bekommen, obwohl ich selber eines beantragt hatte. Aber die Betreiber wollten es nicht, ich hatte ihnen schon zu viel Geld gebracht, diese Kundschaft wollten sie nicht aussperren.

Natürlich habe ich mitbekommen, wie die anderen Menschen im Leben stehen, während ich psychisch völlig von den Spielautomaten abhängig war. Ich hatte keine Selbstachtung vor mir mehr gehabt, weil ich es nie geschafft habe, von dieser Sucht wegzukommen. Ich habe auch darunter gelitten, dass ich meinen Sohn so selten gesehen habe und habe meine Exfreundin immer wieder gebeten, dass ich unser gemeinsames Kind sehen kann.

Sie hat dann zugestimmt, dass der kleinere Sohn bei mir am Wochenende übernachten durfte. Ich musste ihn anschließend am Sonntagmorgen in den Gottesdienst bringen. Ich hatte das akzeptiert, obwohl ich diese freie christliche Gemeinde gehasst habe. Ich wollte mit denen nichts zu tun haben und war der Meinung, dass dort nur lauter Heuchler wären. Ich habe also meinen Sohn dort immer vor dem Gottesdienst abgegeben und wenn dann die Mutter zur Betreuung gekommen ist, bin ich in die Spielhalle zum Zocken gefahren.

An einem Sontag hatte ich dann beim Aufstehen das ganz starke Gefühl: „Heute ist dein Tag.“  Ich dachte noch, wow, heute muss ich gewinnen, heute ist ja mein Tag!! So etwas hatte ich schon öfters erlebt und dann auch tatsächlich gewonnen.

Ich hatte also den Kleinen fertig gemacht, in die Gemeinde gebracht und geschaut, wo die Mutter ist; die war aber diesmal nicht da. Ich dachte noch: „Lieber Gott, das ist wohl ein schlechter Scherz! Heute ist mein Tag, ich muss in die Spielhalle!! Das kann doch nicht sein.“ Ich war voll verärgert, die Mutter kam einfach nicht. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu bleiben. Dann begann der Gottesdienst mit einem Lobpreis. Ich war wütend und plötzlich ganz aufgewühlt, als die Musik begonnen hat. Ich hatte das Gefühl, ich muss hier raus, sofort raus.

Und dann, ich kann es nicht anders beschreiben, hat mich Gott berührt.

Ich habe auf einmal alles gesehen, was ich falsch gemacht habe in meinem Leben, wie in einem Film. Ich habe gesehen, was ich von klein auf alles gemacht habe, welchen Menschen ich Weh getan habe. Schon in der Schule habe ich Kinder willkürlich geschlagen und im ganzen Leben ist da noch viel zusammen gekommen. Ich habe zwar vielen Menschen geholfen, aber auch vielen Menschen Schlimmes angetan. Das ist alles gekommen. Ich konnte nur mehr weinen. Ich dachte mir, reiß dich zusammen, du bist ein Mann, du kannst da nicht weinen. Hier in der Öffentlichkeit zu weinen war ganz schlimm. Aber das wurde aufgewogen durch eine Liebe, die ich auf einmal gespürt habe, die ich gar nicht beschreiben kann. Ich habe immer Sehnsucht gehabt nach Liebe und jetzt habe ich sie auf einmal, mitten in dieser Situation, in der ich mein verpfuschtes Leben gesehen habe, in solch einer unglaublichen Intensität gespürt.

Als der Gottesdienst aus war und die Mutter das Kind geholt hat, war ich überhaupt nicht mehr wütend. Ich bin einfach in der Kirche sitzen geblieben und nicht mehr in die Spielhalle gegangen. Ich musste erst einmal verarbeiten, was ich soeben erlebt hatte.

Später bin ich noch einmal in die Spielhalle gegangen. Aber es hat auf einmal nichts mehr gepasst, es hat plötzlich nicht mehr in mein Leben gepasst. Ich habe dann nochmals Gott gebeten, aber anders als früher, mir zu helfen. Ich habe ihm meine Verzweiflung hingelegt, dass ich es schon so oft probiert habe, von der Spielsucht wegzukommen, dass es aber nie geklappt hat. Ich habe ihm gesagt, dass ich es alleine nicht schaffe, dass ich es nur mit ihm schaffen könne. Ich habe ihn gebeten, mir zu helfen.

Und da hat er mir dann etwas gezeigt. Er hat mir nicht gezeigt, wieviel Geld ich verloren habe, sondern er hat mir gezeigt, wieviel Zeit ich verloren habe. Lebenszeit. Ich habe noch einmal im Rückblick bildlich gesehen, was alles ich verloren habe, welche geliebten Menschen ich verloren habe und auch, dass ich diesen Menschen viel mehr Zeit und Liebe hätte geben können. Ich erkannte, dass das Geld nicht das Wichtigste ist, sondern die Zeit, um Menschen lieben zu können. Ich erkannte, dass wir nicht ewig da sind, sondern uns entscheiden müssen, wie wir unsere Zeit verwenden. Vor dem Automaten im Spielsaal zu sitzen war Diebstahl an wertvoller Lebenszeit.

Wenn mich meine früheren Kumpels, die sich von der Spielsucht nicht lösen können, fragen, wie ich es geschafft hätte, kann ich nur sagen: Probiert es mit Gott.  Mich hat er frei gemacht. Ich schenke jetzt meine Zeit meiner Frau, meinen Kindern und Gott. Ich bin jetzt auch in einem Hilfswerk tätig, das sich für Menschen in Not einsetzt.

Gott ist die ultimative Liebe. Sie hat mich von allem weggeholt. Was ich alleine nicht schaffen konnte, habe ich mit ihm geschafft.

 

https://www.youtube.com/watch?v=gK5Bg4Ccrxo

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