Dr.Dr. Wolfgang Reichelt
Dr.Dr. Wolfgang Reichelt
Klagenfurt / Österreich

Du musst zuerst verzeihen, dann kann ich dir helfen

Ich habe eine Ausbildung als Naturwissenschaftler und als Jurist. Ich wollte immer schon im Umweltschutz arbeiten und hatte einen Job als Umweltjurist in einer Regierung erhalten. An meiner Arbeitsstelle fühlte ich mich aber bald unwohl. Zum einen verstand ich mich mit meinem Chef nicht gut und zum anderen merkte ich im Rahmen meiner Arbeit, dass ich unabhängig von meiner juristischen Ausbildung  in meinem Herzen immer ein Naturwissenschaftler geblieben bin. Ich hätte gerne auf einen Arbeitsplatz gewechselt, an dem ich weniger als Jurist, dafür aber mehr als Naturwissenschaftler hätte arbeiten könnte.

Dieser Wechsel ist mir nicht gelungen und schien unmöglich zu sein. Mein Chef hatte nicht das geringste Interesse, mich weggehen zu lassen. Durch meine zweifache Ausbildung war ich ihm von Vorteil und weil er einflussreich war, wusste er einen Wechsel meines Arbeitsplatzes innerhalb der Regierung immer wieder zu verhindern. Aus der Regierung auszuscheiden und irgendwo anders einen Job zu suchen, wollte ich aus einer Reihe wichtiger Gründe auch nicht. Ich musste also die für mich sehr unbefriedigende Situation aushalten, ohne Hoffnung, daran etwas ändern zu können.

Fünf Jahre nach meinem Arbeitsbeginn nahm ich Mitte der 1980-er Jahre an einem Glaubenskurs teil. Dabei wurde mir bewusst gemacht, dass Gott  unsere menschliche Freiheit in allen Konsequenzen respektiert. Er würde uns gerne in unserem Leben helfen, möchte uns führen und schützen, kann dies aber nicht, solange wir alles selber machen und entscheiden wollen und ihm nicht den Platz in unserem Leben einräumen, der ihm gebührt. Wir wurden am Ende dieses Seminars eingeladen, unser Leben in die Hände Gottes zu legen, alles, ohne etwas zurückzuhalten. Das wäre die Voraussetzung, dass wir Gottes Wirken in unserem Leben erfahren könnten.

Der Gedanke, solch einen Schritt zu machen, bereitete mir große Probleme. Was ist, wenn Gott tatsächlich in mein Leben eingreifen möchte und er mich dann aber Wege führen will, die ich freiwillig niemals gehen würde?  Immerhin sollte dieser Sprung in die Hände Gottes alle meine Lebensbereiche betreffen: die Familie, meine Beziehungen, meine Gesundheit, aber auch meine Karriere, um die ich mir Sorgen machte, weil trotz meinem Bemühen seit Jahren keine Änderungen in meinem Job möglich war.

Ich entschied mich dennoch, diesen Sprung ins Ungewisse zu wagen und übergab Gott mein Leben.

Die Antwort Gottes erfolgte rasch und in einer Weise, wie ich sie mir niemals hätte träumen lassen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt als Jurist ein Verfahren in einem Umweltprozess vor dem obersten Gerichtshof in Österreich zu führen. Mein Chef hatte meine Unterlagen, die ich dem Gerichtshof übermittelt hatte, ohne mein Wissen in einem wesentlichen Punkt abgeändert. Kurze Zeit, nachdem ich Gott als den Herrn meines Lebens akzeptiert hatte, wurde uns das Urteil des Gerichtshofs übermittelt. – Wir hatten dieses Verfahren verloren, und zwar genau wegen der Passage, die mein Chef anstelle meiner Erledigung in die sogenannte „Gegenschrift“ an den Gerichtshof eingefügt hatte.

Das war schlimm genug, wurde aber noch dadurch verschlimmert, dass mein Chef nun überall verkündete, dass wir wegen eines schweren Fehlers von mir diesen Prozess verloren hätten und er sich deswegen sehr über mich ärgern würde. Was mein Chef aber nicht wusste, war der Umstand, dass ich eine Durchschrift meiner  ursprünglichen Erledigung aufbewahrt hatte. Zusätzlich hatte mir meine Sekretärin eine Durchschrift jener Stelle gegeben, aus der ersichtlich war, dass mein Chef den Text selber handschriftlich abgeändert hatte.

Ich hatte nun den Beweis in der Hand, dass es überhaupt nicht mein Fehler, sondern der Fehler meines Chefs war, weswegen wir den Umweltprozess verloren hatten. Ich überlegte nun, wie ich es anstellen könnte, diese Information gezielt verschiedenen Stellen in der Regierung zukommen zu lassen. Ich wollte diese Verleumdung aufdecken, weil ich fürchtete, dass sie für meine Karriere von großem Nachteil sein könnte.

Bevor ich das aber tun konnte, hatte ich während des Betens einen ganz starken Impuls, ich solle auch für meinen Chef das „Vater unser“ beten. Ich wehrte mich innerlich dagegen, wusste ich doch, dass ich die Stelle „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ nicht in aufrichtiger Weise beten könnte. Nein, ich wollte meinem Chef nicht die Möglichkeit geben, so einfach davon zu kommen. Ich glaubte, dass er es verdient hätte, wenn die Tatsache seiner Verleumdung aufgedeckt würde. Ich fühlte mich daher nicht in der Lage, für meinen Chef das „Vater unser“ zu beten, zu sehr schmerzte mich sein Verhalten.

Aber Gott hat nicht locker gelassen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als würde er zu mir sagen: „Warum hast du mir dein Leben übergeben, wenn du es nicht zulässt, dass ich etwas für dich mache? Ich möchte haben, dass du deinem Chef verzeihst, erst dann kann ich dir helfen!“

Dieser sehr klare Impuls hatte bei mir einen großen inneren Kampf ausgelöst. Schließlich habe ich für meinen Chef gebetet und war auch bereit, ihm sein Verhalten zu verzeihen.

Ich hatte also niemandem davon erzählt, was vorgefallen war und bemühte mich, meinem Chef ohne Bitterkeit offen zu begegnen, so als hätte er mich niemals verleumdet. Es gelang mir tatsächlich, ihm bei jeder Begegnung ruhig in die Augen zu schauen. Dann passierte etwas, das ich niemals hätte vorhersehen können. Mein so dominanter Chef wurde mir gegenüber immer unsicherer, er begann mir und meinem Blick auszuweichen. Eines Tages rief er mich in sein Büro und fragte mich unvermittelt: „Hast du überhaupt keinen Zorn auf mich?!?“ Natürlich war offenkundig, dass ich die Zusammenhänge über die Niederlage vor dem Gerichtshof wusste. Mein Chef konnte aber mit meiner Art der Reaktion auf sein Verhalten nicht umgehen und wollte dieses hinterfragen.  Es gelang mir, ihm ganz ruhig zu antworten: „Eigentlich müsste ich einen Zorn auf dich haben, weil du überall erzählst, wonach es mein Verschulden wäre, dass wir den Prozess verloren haben. Aber ich versuche als Christ zu leben. Wenn ich das „Vater unser“ bete, wird mir jedes Mal bewusst, dass wir einander verzeihen sollen, auch solche Dinge, die du mir angetan hast. Ich habe beschlossen, für dich zu beten“.

Mein Chef war fassungslos. Von diesem Tag an wich er mir aus, wo es ging, ich war ihm unheimlich geworden. Ihm, der es niemals wollte, dass ich von seiner Abteilung weggehe, wäre es nun plötzlich am liebsten gewesen, wenn ich einfach verschwunden wäre.

Hätte ich ihm nicht verziehen, sondern sein Verhalten öffentlich gemacht, wäre das für ihn zwar mit einem Imageschaden verbunden gewesen. Er hätte es mich als Chef aber täglich erst recht spüren lassen, dass er immer noch der Chef ist und ich mich ihm beugen müsste. Gott hat für mich, weil ich verziehen habe, eine Türe geöffnet, die ich alleine niemals hätte öffnen können.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt hatte war der Umstand, dass für meinen Wechsel in die andere Abteilung noch eine zweite Türe verschlossen war, von der ich überhaupt nichts wusste. Gott hat auch diese Türe für mich geöffnet.

Kurze Zeit nach diesem Vorfall rief mich der Personalchef der Regierung an. Er wollte eigentlich meinen Vorgesetzten etwas fragen, hatte ihn aber nicht erreicht und deswegen mich angerufen. Üblicherweise hatte ein normaler Mitarbeiter in der Regierung überhaupt keine Chance, mit dem obersten Boss in Kontakt zu treten, alle Kontakte zur Spitze der Hierarchie mussten über den eigenen Vorgesetzten verlaufen. Ich hatte daher die letzten vier Jahre kein einziges Mal die Möglichkeit gehabt, mit dem Personalchef persönlich zu reden.

Nachdem ich dem Personalchef die von ihm benötigte Information gegeben hatte, nützte ich diese unverhoffte Gelegenheit und fragte ihn, warum meine Ansuchen um Versetzung in die Fachabteilung nie beantwortet worden waren. Er reagierte sehr überrascht und fragte mich, warum ich denn unbedingt in eine Abteilung wechseln wolle, in der mich niemand haben möchte. Er erklärte mir dann, ihm wäre zur Kenntnis gebracht worden, dass ich eine sehr streitsüchtige und nicht kooperative Person wäre. In der Fachabteilung wären alle froh, wenn ich in meiner jetzigen Position verbleiben und keine Schwierigkeiten machen würde. Mein jetziger Chef würde mich ja gut unter Kontrolle haben.

Ich war schockiert.

Da ich mich in Wirklichkeit mit den meisten Kollegen dieser anderen Abteilung sehr gut verstanden und immer wieder zusammengearbeitet hatte, konnte im darauffolgenden Gespräch dann ein für mich schon längst vergessener Umstand aufgedeckt und geklärt werden. Ich hatte einmal als Student einen Mann kennen gelernt und diesen bei einer für ihn unangenehmen und peinlichen Handlung ertappt. Dieser Mann war ein Mitarbeiter jener Abteilung, in die ich wechseln wollte, er war übrigens auch mit meinem Chef befreundet.  Dieser Mann hatte offensichtlich die für ihn peinliche Situation aus der Vergangenheit nicht vergessen und mit allen Mitteln versucht zu verhindern, dass ich in seine Abteilung kommen könnte. Es hatte sich also nicht die gesamte Abteilung gegen mein Kommen ausgesprochen, sondern eine einzelne Person hatte mich gezielt verleumdet.

Zwei Tage nach diesem Telefonat erhielt  ich zu meiner großen Überraschung das Versetzungsschreiben in die Fachabteilung.

Ich hatte mich vier Jahre vergeblich darum bemüht, den Arbeitsplatz zu wechseln. Gott hatte mir, nachdem ich ihm voll Vertrauen mein Leben übergeben hatte, in kürzester Zeit zwei Türen geöffnet, die ich alleine niemals hätte öffnen können.

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